Mit der Landung der Air Force One um exakt 19:53 Uhr Ortszeit in Peking beginnt ein neues Kapitel der chinesisch-amerikanischen Beziehungen. So jedenfalls die Lesart, die Pekings Choreografie an diesem Abend nahelegen soll. Roter Teppich, Ehrengarde, Militärkapelle, Hunderte junge Chinesen in blau-weißen Uniformen mit Fähnchen beider Länder. Der Flughafen ist hell ausgeleuchtet, entlang der Stadtautobahn ins Zentrum wehen die Flaggen Chinas und der Vereinigten Staaten.
Dann tritt Donald Trump aus dem Flugzeug, steigt langsam die Gangway hinab, am Fuß der Treppe empfängt ihn Chinas Vizepräsident Han Zheng. Die beiden Männer schütteln sich die Hände, dann überreicht ein Mädchen im roten Kleid einen Blumenstrauß. Trump lächelt, wendet sich Han zu, die beiden gehen nebeneinander den Teppich entlang. Am Ende wartet „The Beast“, die eigens für den Besuch eingeflogene gepanzerte Limousine des US-Präsidenten. „Das wird eine aufregende Reise“, hatte Trump vor dem Abflug gesagt. „Es werden viele gute Dinge passieren.“
Eine Botschaft an das eigene Volk
Dass es in Peking an diesem Abend nicht nur um Freundschaft geht, lässt sich schon anhand der Sicherheitsvorkehrungen erahnen. Rund um die Hotels der amerikanischen Delegation sind Straßen gesperrt, Absperrgitter gezogen, Polizisten postiert. Vor Einfahrten stehen Polizeifahrzeuge, an zahlreichen Kreuzungen in Peking leiten Sicherheitskräfte den Verkehr um. Auch am Himmelstempel, den Trump am Donnerstag besuchen soll, wurden die Vorkehrungen verschärft. Die Botschaft ist dieselbe wie auf dem Rollfeld, nur in einer anderen Sprache: Peking kontrolliert diesen Besuch bis ins Detail.
Neun Jahre lang hat kein US-Präsident chinesischen Boden betreten, jetzt ist es wieder Trump. Schon bei seinem ersten Besuch 2017 wurde er mit allen Ehren empfangen, damals führte ihn Xi Jinping durch die Verbotene Stadt. Diesmal sehen sich beide am Donnerstagmorgen in der Großen Halle des Volkes wieder. Dann beginnt der eigentliche Gipfel. Drei Tage Pekinger Choreografie, mit Gesprächen, Bankett und einem Abstecher zum Himmelstempel.
Wirtschaftliche Schwergewichte an Bord
Es geht um vieles auf einmal: den Krieg in Iran und die blockierte Straße von Hormus, Zölle und Handel, Taiwan, Halbleiter, künstliche Intelligenz und Seltene Erden. Trump hat eine illustre Wirtschaftsdelegation mitgebracht: unter anderem Elon Musk, Apple-Chef Tim Cook, Nvidia-Chef Jensen Huang und Blackrock-Chef Larry Fink. Auch Außenminister Marco Rubio und Verteidigungsminister Pete Hegseth sind mit an Bord.
Diese hochkarätige Begleitung unterstreicht die wirtschaftliche Dimension des Besuchs. China ist der größte Handelspartner der USA, und die Handelsbilanz ist seit Jahren ein Streitpunkt. Trump hat bereits Zölle auf chinesische Waren angedroht, sollte Peking nicht Zugeständnisse machen. Gleichzeitig benötigen US-Unternehmen Zugang zum chinesischen Markt, insbesondere in den Bereichen Technologie und Elektromobilität. Elon Musks Tesla hat in Shanghai eine riesige Fabrik, und Apple ist auf chinesische Lieferketten angewiesen. Die Verhandlungen werden daher von beiden Seiten mit Spannung erwartet.
Historischer Kontext
Der letzte Besuch eines US-Präsidenten in China fand 2017 statt, als Trump selbst das Land besuchte. Davor war Barack Obama 2016 in Peking, und George W. Bush reiste 2005 und 2008 nach China. Die neunjährige Pause spiegelt die zunehmenden Spannungen zwischen den beiden Supermächten wider. Unter der Regierung von Joe Biden gab es keine offiziellen Staatsbesuche, obwohl es Treffen auf hoher Ebene gab, wie das Gipfeltreffen in Bali 2022. Nun kehrt Trump zurück – und China nutzt die Gelegenheit, um seine eigene Stärke zu demonstrieren.
Das Zeremoniell am Flughafen erinnert an den Empfang von Richard Nixon im Jahr 1972, der die historische Öffnung Chinas einleitete. Damals schüttelte Nixon dem damaligen Ministerpräsidenten Zhou Enlai die Hand – ein Bild, das um die Welt ging. Heute ist die Inszenierung ähnlich, nur dass diesmal China die Bedingungen diktiert. Der rote Teppich ist nicht nur eine Geste der Gastfreundschaft, sondern auch ein Symbol der Macht. Peking will zeigen, dass es den USA auf Augenhöhe begegnet, vielleicht sogar überlegen.
Hunderttausende Chinesen verfolgten die Landung in Echtzeit über Livestreams im Internet. Wer kommentieren konnte, schrieb meist dasselbe: „Unser Land ist stark!“ Pekings Choreografie hat besonders zu Hause ihr Publikum gefunden – denn sie soll nicht zuletzt ans eigene Land die Botschaft senden, dass man den USA auf Augenhöhe begegnet. Diese innenpolitische Botschaft ist entscheidend: Xi Jinping will als starker Führer wahrgenommen werden, der dem Westen die Stirn bietet.
Die Tagesordnung: Heikle Themen
Die Gespräche zwischen Trump und Xi werden von einer langen Liste kontroverser Themen dominiert. Allen voran der Ukraine-Krieg: China hat sich zwar offiziell neutral verhalten, aber Russland wirtschaftlich und diplomatisch unterstützt. Die USA fordern von Peking, den Druck auf Moskau zu erhöhen. Dazu kommt der Konflikt um Taiwan, den China als rote Linie betrachtet. Trump hat sich in der Vergangenheit ambivalent geäußert, aber sein Außenminister Marco Rubio gilt als Hardliner gegenüber Peking. Auch die Technologiekonkurrenz steht im Fokus: Chinas Fortschritte bei Künstlicher Intelligenz und Halbleitern bedrohen die US-Vormachtstellung. Trump will erreichen, dass China seine Subventionen für die Chipindustrie zurückfährt und mehr US-Unternehmen Zugang zum chinesischen Markt erhalten.
Ein weiteres heikles Thema sind die Seltenen Erden. China kontrolliert einen Großteil der globalen Produktion dieser für die Hightech-Industrie unverzichtbaren Rohstoffe. Die USA wollen ihre Abhängigkeit verringern, aber kurzfristig sind sie auf Lieferungen aus Peking angewiesen. Trump könnte hier Zugeständnisse machen, etwa geringere Zölle im Gegenzug für stabile Lieferketten.
Die Bedeutung des Besuchs
Dieser Besuch ist mehr als nur ein diplomatisches Ritual. Er findet in einer Zeit statt, in der die Weltordnung ins Wanken geraten ist. Der Krieg in der Ukraine, die Spannungen im Nahen Osten und die wirtschaftlichen Verwerfungen nach der Pandemie machen eine Zusammenarbeit der beiden größten Volkswirtschaften notwendig. Gleichzeitig wächst das Misstrauen zwischen Washington und Peking. China sieht die USA als Hegemon, der seinen Aufstieg bremsen will, während die USA China als systemischen Rivalen betrachten. Vor diesem Hintergrund ist der Gipfel ein Balanceakt.
Trump selbst hat ein gespaltenes Verhältnis zu China. Einerseits bewundert er Xi Jinping als starken Führer, andererseits fordert er harte Handelsbedingungen. Seine Delegation zeigt, dass er auf wirtschaftliche Erfolge setzt. Doch ob die Verhandlungen zu konkreten Ergebnissen führen, bleibt abzuwarten. Die Geschichte zeigt, dass solche Gipfel oft symbolischer Natur sind und selten zu Durchbrüchen führen. Dennoch sendet der rote Teppich ein klares Signal: China ist bereit für den Dialog, aber nur zu seinen Bedingungen.
In den nächsten Stunden werden Trump und Xi in der Großen Halle des Volkes zusammensitzen, umgeben von Übersetzern und Notizen. Die Kameras werden die Händedrücke einfangen, die Mimik deuten. Die Zuschauer in aller Welt werden versuchen, den tieferen Sinn in den Gesten zu erkennen. Am Ende wird es eine gemeinsame Pressekonferenz geben, auf der beide Seiten ihre Interpretation der Gespräche präsentieren werden. Wie schon auf dem Rollfeld geht es auch hier um Inszenierung: Jeder will die Deutungshoheit über das Treffen gewinnen.
Der rote Teppich in Peking ist ausgelegt – die nächsten Tage werden zeigen, ob er zu einer neuen Eiszeit oder zu einer Annäherung führt. Eines ist sicher: Die Welt schaut zu.
Source: Süddeutsche.de News