BIP Denver

collapse
Home / Daily News Analysis / Ex-Kanzlerin im WDR-Interview : Warum Merkel nicht Bundespräsidentin werden will

Ex-Kanzlerin im WDR-Interview : Warum Merkel nicht Bundespräsidentin werden will

May 25, 2026  Twila Rosenbaum  2 views
Ex-Kanzlerin im WDR-Interview
: 
Warum Merkel nicht Bundespräsidentin werden will

Angela Merkel wirkt entspannt, als sie nach einer halben Stunde vom Küchentisch aufsteht. Auf dem Weg nach draußen wird sie nicht nur von BKA-Beamten umringt, sondern vor allem von dutzenden jungen Menschen, die alle noch ein Foto mit ihr oder zumindest von ihr erhaschen wollen. Die Kult-Kanzlerin. So sehen sie hier viele. Zuvor hatte sich Merkel in einer abgerockten WG-Küche als Podcast-Set eine halbe Stunde lang den Fragen der Hosts des WDR-News-Podcasts 0630 Caro Bredendiek und Florian Gregorzyk gestellt. Und es gibt viele Fragen an die Frau, die 16 Jahre das Land gelenkt hat.

Ein Land, in dem sich junge Menschen lange nicht vorstellen konnten, dass es auch andere Kanzler oder Kanzlerinnen als Merkel geben könnte. Ein Land, in dem diese Generation heute mit mehr existenziellen Krisen konfrontiert ist, als viele Generationen zuvor. Und ein Land, in dem einer aktuellen ARD-Umfrage zufolge heute – fünf Jahre nach Merkel – 77 Prozent der unter 30-Jährigen den Wohlstand ungerecht verteilt empfinden. Merkels Botschaften an sie hören sich zum Beispiel so an: „Sie haben ein ganzes Leben vor sich. Ich würde Sie ermutigen, nicht Eia Popeia zu machen, sondern Chancen zu nutzen.“

Als Angela Merkel so alt war, wie viele der Podcast-Hörerinnen und Hörer dürfte sie an ähnlichen Küchentischen gesessen haben. Auch damals gab es im Ost-Berlin der frühen 80er Jahre schon Wohnungsnot. Die Pragmatikerin Merkel löste das Problem so, dass sie kurzerhand eine freie Wohnung besetzte, um dann mit der DDR als sozialistischen Eigentümer einen Mietvertrag zu verhandeln. In der Marktwirtschaft von heute könne sie dieses Konzept nicht mehr empfehlen, sagt Merkel: „Das Problem muss man heute anders lösen.“ Wie – das sagt sie nicht. Da ist die Alt-Kanzlerin ohnehin eisenhart: Zitate zur Tagespolitik möchte sie nicht liefern. „Ich krieg‘ ja keine Vorlagen mehr“, sagt sie. Ein Satz wie eine politische Biographie in sechs Worten.

Vielleicht braucht es ein Blind Ranking, wie es regelmäßig auf TikTok viral geht, um Merkel ins Konkrete zu zwingen. Caro Bredendiek und Florian Gregorzyk bitten sie, für sie selbst passende Krisenmanagerinnen-Jobs in eine Reihenfolge zu bringen. Bundestrainerin? Kommt auf den letzten Platz. Kurz vor der WM bloß keine Schlagzeile gegen Julian Nagelsmann. Walrettungsmissions-Leiterin? Da hat sie Ideen. Bundespräsidentin? „Minus 7!“, schießt Merkel wie aus der Pistole. „Das kann ich jetzt nicht! Ich war 16 Jahre Bundeskanzlerin – wissen Sie was das heißt?“

Ähnlich klar wird Merkel ausgerechnet nur dann, als es um Digitalpolitik und KI-Regulierung geht: „Wenn die Vereinigten Staaten auf uns Druck machen, dass wir keine Regeln brauchen und dass Meinungsfreiheit nur ein unreguliertes Internet ist, dann müssen wir uns dem entgegenstellen“, fordert Merkel. „Weil wir ansonsten irre werden, wenn wir nicht mehr wissen, was wahr und was KI-generiert ist.“ Diese Aussage kommt in einer Zeit, in der die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz (CDU) eine eher technologieoffene Linie verfolgt, aber gleichzeitig die EU-weite KI-Verordnung (AI Act) umsetzt. Merkel macht damit deutlich, dass sie die europäische Regulierungsphilosophie verteidigt, die auf Risikobewertung und Grundrechten basiert, anders als die US-amerikanische Herangehensweise, die stärker auf Selbstverpflichtungen setzt.

Zurück zur Gerechtigkeit beziehungsweise zur Ungerechtigkeit, dem anderen großen Thema der Gen Z. Dass heute sehr viel mehr vererbt werde, das sei vielleicht ein Thema, sagt Merkel. „Manche Familien können gar nichts vererben und manche Familien vererben ihren Kindern so viel, dass die Kinder gar nicht mehr arbeiten müssen.“ Das müsse behandelt werden, findet die Kanzlerin a.D. Auch hier bleibt das „wie“ offen. Dabei ist die Debatte um eine Reform der Erbschaftsteuer in Deutschland seit Jahren im Gange. Während die SPD eine stärkere Besteuerung großer Vermögen fordert, lehnen CDU und FDP dies ab. Merkels Äußerung wird daher als verdeckte Kritik an ihrer eigenen Partei gewertet, die einer Erhöhung der Erbschaftsteuer bislang ablehnend gegenübersteht.

Ob nicht aber der Aufstieg der AfD beispielsweise in Städten wie Duisburg und Gelsenkirchen am Ende auch ein Gerechtigkeitsthema sei, wollen die 0630-Hosts wissen. „Ja, die AfD setzt dort an, wo es um das Aufstiegsversprechen geht, um die eigenen Lebenschancen“, sagt Merkel. Ihre Lösungen, etwa beim Rentenniveau, seien aber nicht seriös, sondern „Antworten, die keine Antworten sind.“ Kein Fatalismus, empfiehlt Merkel. Eine AfD-Bundeskanzlerin? „Wenn es genügend Menschen gibt, die an die Demokratie glauben, dann wird das nicht passieren!“ Das reicht für Applaus im Saal. Dieser Satz erinnert an ihre berühmte Aussage zur Bundestagswahl 2021, als sie sagte, dass die AfD nicht einmal in den Kommunen so viel Einfluss habe, wie manche meinten. Seitdem hat die Partei jedoch an Zustimmung gewonnen und liegt in Umfragen teils über 20 Prozent. Merkels Zuversicht wirkt vor diesem Hintergrund fast naiv, trifft aber dennoch den Nerv derjenigen, die sich nach politischer Stabilität sehnen.

Wer Angela Merkel in der 0630-WG-Küche aufmerksam zuhört, bekommt in 30 Minuten nochmal im Schnelldurchlauf vor Augen geführt, wie diese Kanzlerin und die Republik 16 Jahre lang funktioniert haben: Pragmatisch und zuversichtlich. Aber auch durch und durch im Ungefähren und ein kleines bisschen bieder. Vielleicht ist es die Sehnsucht nach genau dieser „Sie kennen mich“-Attitüde, die Angela Merkel bis heute gerade bei vielen jungen Menschen immer noch populär hält. Dabei sind es gerade die jungen Wähler, die oft eine klare Positionierung verlangen – bei Themen wie Klimaschutz, Wohnungsmangel oder Digitalisierung. Merkel bietet das nicht, aber sie verkörpert eine Ära, die trotz aller Krisen (Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Pandemie) als relativ stabil empfunden wird. Das Phänomen Merkel: Offensichtlich verzeiht ihr gerade die junge Generation das, was sie anderen Spitzenpolitikern frustriert ankreidet: Wenig Klarheit, wenig Entschlossenheit, viel Kompromiss.

Am Ende des Gesprächs muss Merkel den Satz vervollständigen: In zehn Jahren unterhalten sich junge Menschen an Tischen wie diesen über…? „Klimaschutz, Artenvielfalt und die Demokratie“, glaubt Merkel. „Und: vielleicht über Liebe und Trauer.“ Von allem ein bisschen. Mit diesen Worten entlässt sie ihr Publikum, das ihr noch lange applaudiert. Draußen vor der Tür warten die Selfie-Jäger. Die Alt-Kanzlerin lächelt geduldig in die Kameras. Es ist ein Bild, das die widersprüchliche Beziehung der Generation Z zu Angela Merkel perfekt einfängt: Sie suchen bei ihr Halt, obwohl sie ihnen kaum konkrete Antworten gibt. Vielleicht ist genau das ihr Erfolgsgeheimnis – und ihre größte Schwäche zugleich.


Source: Www1 News


Share:

Your experience on this site will be improved by allowing cookies Cookie Policy