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Mike Tyson erzählt seine wahre Geschichte

May 26, 2026  Twila Rosenbaum  3 views
Mike Tyson erzählt seine wahre Geschichte

Mike Tyson ist 51, aber heute ist einer dieser Tage, an denen er sich wie Muhammad Ali mit 70 bewegt. Ein alter, müder Mann in grauen Jeans und weißen Turnschuhen, der in seinem eigenen Haus verloren wirkt. Kein guter Tag.

Gestern war es noch schlimmer. Er war beim Zahnarzt, ein Backenzahn musste raus. Tyson hasst Zahnärzte. Ihm sind im Ring genug Schmerzen zugefügt worden. Kiki, seine Ehefrau, überzeugte die Klinik, Tyson unter Vollnarkose zu setzen. Heute hat er wieder zur Erleichterung aller gut gegessen. Rühreier, eine große Portion Eis, dann drei Teller Pasta mit Tomatensoße. In genau dieser Reihenfolge.

„Mike kommt gleich. Er ist groß in Deutschland, nicht wahr?“, fragt David, den man besser Farid nennt, seitdem er im Knast zum Islam konvertiert ist. Farid ist ein alter Zellenkumpel aus der Zeit, als Tyson wegen Vergewaltigung einsaß und mit Mitte zwanzig seine besten Tage als Boxer schon hinter sich hatte. Farid saß wegen Kokainhandels. Er ist jetzt Mikes privater Assistent.

Farid steht im Eingangsbereich einer dieser Villen, die man aus amerikanischen Serien kennt. Selbst wenn man drinsteht, die Kronleuchter, die Säulen, die geschwungenen Marmortreppen sieht, denkt man, es sei eine Kulisse. Downtown Las Vegas ist 20 Kilometer von hier, und weil der Makler, der Tyson das Haus verkauft hat, damit Werbung macht, weiß man, dass es hier sechs Schlafzimmer und sechs Bäder plus Gästeklo gibt. 966 Quadratmeter Wohnfläche. Farid, mit verschränkten Armen, wartet noch immer auf eine Antwort. Wie groß ist Tyson heute noch?

Mike Tyson hätte der größte Boxer aller Zeiten werden können. Werden müssen. Größer als Ali. Im Boxen klingt das zu Recht nach Blasphemie, aber in der kurzen Zeit, in der Tyson das tat, wofür er geboren worden war, war er einer der Besten, die jemals einen Ring betreten hatten. Es war, als ließe man einen abgerichteten Hund von der Leine. Tyson war 20 und der jüngste Schwergewichtsweltmeister der Geschichte. Seine Schläge waren hart, er war schnell, beweglich, die Deckung makellos. Eigentlich zu klein fürs Schwergewicht, aber so gut, so wild, dass er unbesiegbar schien. Die ersten 19 Kämpfe seiner Profikarriere gewann er durch K.o., 12 davon in der ersten Runde.

Während Ali aber mit jedem Kampf größer wurde, wurde Tyson mit jedem kleiner. Ali stand für den amerikanischen Traum, Tyson für dessen Verlogenheit. Ali stand für Ideale, für Werte, Tyson stand für Nutten und für Koks.

Dem Jungen aus dem Brownsville-Getto in New York, wo man als Schwarzer nur in Handschellen oder einer Holzkiste rauskam, gelang die Flucht mit den Fäusten. Und er endete doch nicht besser als seine frühen Crackhouse-Kumpel. 1992, gut fünf Jahre nach dem ersten Weltmeistertitel, wurde er wegen Vergewaltigung zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, 2003 war er bankrott, 2007 kam die Entziehungskur.

Boxer Holyfield, Tyson 1997: Kranker Spinner. Menschen, die keine Boxfans sind, muss man nur sagen, dass er der Spinner ist, der 1997 Evander Holyfield ins Ohr biss, und sie wissen, wer gemeint ist: der Mann aus den Klatschspalten; der aus dem Sportteil, der 300 Millionen Dollar in Häuser steckte, die er nicht brauchte, in Autos, die er nicht fuhr, und in Frauen, die ihn nicht liebten; ein Mann, dem Gott genauso viel Talent fürs Boxen wie Dämonen fürs Leben mitgegeben hat.

Das ist es, was viele in Deutschland von Mike Tyson wissen, aber da Farid ein ernst blickender Kerl mit tiefer Stimme ist und außerdem im Gefängnis saß, erscheint eine andere Antwort angebrachter: „Ja, natürlich, Iron-Mike, der Champ. Die Fans lieben ihn.“ Farid nickt zufrieden. Wusste er es doch. Er zeigt in den Wohnbereich. Darin steht eine breite weiße Ledercouch, unweit davon ein schwarzer Flügel. Man blickt auf den Pool, und weil man in Nevada ist, auch auf Palmenblätter.

Auf dem breiten Hocker vor dem Flügel sitzen zwei weitere Besucher: Radim Tauchen und Pietro Polidori. Beide sind gerade aus Europa eingetroffen, um die Europatour mit Tyson zu besprechen. Sie beginnt kommende Woche. Tauchen, ein kräftiger, gutmütiger Tscheche mit Vollglatze, managt die Tour. Österreich, Deutschland und die Schweiz, zehn Städte in zwölf Tagen. Tyson wird auf der Bühne Fragen beantworten. Die Eintrittspreise liegen zwischen 79 und 809 Euro. Eine Stunde Tysons Lebensgeschichte, dazu gibt es einen Handschlag und ein gemeinsames Foto. Allerdings nur für die Gäste mit den richtig teuren Tickets.

Polidori, der gut aussehende Typ neben ihm, ist Moderator, er ist Südtiroler. Er spricht ein halbes Dutzend Sprachen und dachte ernsthaft, er und Tyson würden ausgiebig über die Show reden. Tyson fand, dass es da nicht viel vorzubereiten gebe, und Polidori merkt gerade, dass er sich die Reise vermutlich hätte sparen können.

Die Bühne ist nicht neu für Tyson. Spike Lee, sein alter Freund, hat auf Grundlage von Tysons Autobiografie „Unbestreitbare Wahrheit“ eine Soloshow entwickelt. Tyson tourt damit durch die USA. Lees Idee war, Mike Tyson allein vor eine Leinwand mit Bildern seines Lebens zu stellen. Tyson als Kind, das bis heute nicht weiß, wer sein Vater ist. Tyson neben Cus D’Amato, dem alten, genialen Boxtrainer, der ihn förderte. Tyson mit seiner Familie, als geläuterter Mann.

Manchmal ist diese Show genial. Tyson ist lustig, emotional, glaubhaft, schlagfertig. Er beweist, dass er kein Blödmann ist, auch wenn er sich weite Teile seines Lebens wie einer benommen hat. Die Leute sind begeistert.

Es gibt aber auch schlechte Shows. An einem Tag wie heute wäre ein Auftritt vermutlich eine Katastrophe. Der Text muss ihm dann per Knopf ins Ohr vorgelesen werden. Er plappert ihn nach, verliert den Faden, es ist schrecklich künstlich. Man weiß vorher nie, wie es wird.

Mike Tyson mit den Kindern Milan, Miguel Leon, Morocco und Ehefrau Lakiha Spicer im März in Inglewood, Kalifornien: Kiki ist es zu verdanken, dass Mike schuldenfrei ist.

„So, noch eine Minute, dann geht’s los“, sagt Farid. Ihm gefällt nicht, dass es keine abgesprochenen Fragen gibt. Mike Tyson, vor allem aber sein Umfeld, mag keine Überraschungen. Am liebsten ist es ihnen, wenn alles genau geplant ist. Man muss das verstehen. Es war nie leicht, mit Mike Tyson zu leben, und ist es bis heute nicht.

Angenommen, heute wäre nicht nur ein eher mäßiger, sondern ein richtig schlechter Tag, dann hätte er vorhin beim Essen, als das Gespräch auf Exodus kam, nicht nur traurig geschaut, er wäre ausgerastet. Exodus war Tysons Tochter. Sie wurde nur vier, weil sie sich 2009 am Kabel eines Laufbandes verhedderte und erstickte.

Wenn Tyson an diese Zeit denkt, kann es passieren, dass er einen Schrank aus der Wand reißt oder die Mikrowelle durch die Küche schleudert. Oder dass er die 30 Minuten runter in die Stadt fährt und in einem der alten Stripklubs versackt. Da verbringt er die Nacht mit so vielen Nutten, Koks und Whiskey, dass er sogar Exodus vergisst. Las Vegas ist perfekt dafür.

Mike Tyson, das wird oft vergessen, ist ein kranker Mann. Ein trockener Alkoholiker, der zu Rückfällen neigt, ein Ex-Kokainjunkie und, als wäre das alles nicht genug, auch noch manisch-depressiv. Es ist Jahre her, kurz vor dem Kampf gegen Andrew Golota, dass er Reportern entgegenwarf: „Ich bin auf Zoloft, damit ich euch nicht alle umbringe.“ Zoloft ist ein Antidepressivum.

„Okay“, sagt Tyson leise und setzt sich auf die weiße Couch. Seine Stimme klingt tiefer als im Fernsehen. Nicht so piepsig. Als Erstes fallen seine riesigen Hände und die enormen Füße auf, Schuhgröße 49. Dann der kahl rasierte Kopf und das Maori-Tattoo im Gesicht, das er sich 2003 stechen ließ. Es soll bedrohlich wirken, ist es aber nicht. Tyson wirkt zurückgenommen, ein wenig abwesend. Seine Augen sind die traurigsten, die man seit Langem gesehen hat.

Farid sagt: „Keine Fragen zu seinem Leben, nichts Privates, nichts über Politik. Nur Fragen zur Tour.“

Tourmanager Tauchen, der beim Interview dabei sein wollte, schaut auf. Natürlich war das anders vereinbart. Die Tour dreht sich um sein Leben. Nur darum. Es ist das Einzige, was Tyson noch bleibt. Seine Geschichte. Sie ernährt ihn. Polidori, der Moderator, wird ihn nach den Drogen, der Entzugsklinik, der verkorksten Jugend fragen. Wenn man über all das nicht reden kann, warum überhaupt ein Interview?

Eigentlich ist es aber auch egal. Tyson ist schon jede erdenkliche Frage gestellt worden, und er hat jede erdenkliche Antwort gegeben. Von „Ich bin der letzte Dreck“ über „Manchmal denke ich über Selbstmord nach“ bis hin zu „Ich bin der Größte, der jemals gelebt hat“.

Nerven ihn diese immer gleichen Fragen? - „Es ist schon okay“, sagt Tyson. Wirklich? - „Es ist, was es ist.“ War er schon mal in Deutschland? - „In Düsseldorf. Die haben Ärzte dort.“ Tyson war wegen seiner Rückenprobleme dort. Gibt es eine Botschaft, die er weitergeben will? - „Ich freue mich auf meine Fans.“ Er klingt, als wäre ein Tintenfass in seinem Kopf ausgelaufen.

Sie alle, Farid, Tauchen, der Manager, Polidori, der Moderator, sie alle brauchten heute eigentlich den anderen Mike - der die Bombenshow liefert, der wirklich lustig ist. Es ist der Mike, der mit Anfang vierzig erwachsen wurde und sein Leben in den Griff bekommen hat. Diesen Tyson gibt es auch. Er ist genauso wahr wie der alte, und es macht Spaß, ihn kennenzulernen. Es gibt ein paar Interviews im Netz, da kann man ihn sich anschauen.

Diesem Tyson ist die Familie wichtig. Er geht zur Therapie, zu Elternabenden, zum Tennis, wenn seine neunjährige Milan spielt. Er trinkt keinen Alkohol, trainiert regelmäßig, isst vegan und hat Pläne. Ein neues Buch, die „Hangover“-Filme, die Signierstunden in Las Vegas, bei denen ein Autogramm 199 Dollar kostet.

Am meisten freut sich Kiki über diesen Mike. Sie ist gerade in der Küche, eine tolle Frau, wahrscheinlich der Grund, warum Mike Tyson noch am Leben ist.

Lakiha Spicer, genannt Kiki, ist Mikes dritte Frau. Sie ist 41, bildhübsch und kennt Mike, seit sie 16 ist. Sie hatten über Jahre eine Affäre, oder wie immer man es nennt, wenn ein besoffener, nach Bordell riechender Typ immer wieder aufkreuzt und man ihn wider besseres Wissen nicht zum Teufel schickt. Vermutlich nennt man es Liebe.

Kiki war immer da. 2002 wohnten sie schon einmal für kurze Zeit zusammen. Damals verlor Tyson den letzten großen Kampf seiner Karriere, am 8. Juni 2002 in Memphis, Tennessee, gegen Lennox Lewis. Zehn Jahre davor hätte Tyson aus ihm Hackfleisch gemacht.

Es dauerte ein paar Jahre und einige Drogenexzesse, bis er wieder anrief. Kiki war da. Elf Tage nach Exodus’ Tod heirateten sie.

Seitdem sie da ist, hat er seine Schulden abgezahlt. Irgendwann waren es mal 27 Millionen Dollar. Aber Kiki ist es zu verdanken, dass Tyson von 20-Jährigen auf der Straße erkannt wird, weil sie ihn aus dem Kino kennen oder aus der eigenen Comicserie, die man über ihn gemacht hat. Zuletzt hat er sogar einen Werbespot für ein australisches Unternehmen gedreht. Und wie es aussieht, wird der große Scorsese sein Leben verfilmen. Jamie Foxx soll die Hauptrolle spielen.

Nach zwölf Minuten ist das Interview vorbei. Seine längste Antwort hatte sieben Wörter. Es ist okay.

Assistent Farid ist froh, dass es vorbei ist. Tauchen, der Tourmanager, sieht etwas traurig aus. Er kennt Tyson seit acht Jahren, er weiß, dass es auch anders laufen kann. Und Polidori, der Moderator, sieht besorgt aus, weil er nicht weiß, was ihn während der Show erwartet. Sie alle sind davon abhängig, wie Tyson in den Tag kommt. Sie packen sein Leben in Watte, in der Hoffnung, dass er nirgends aneckt. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Sie haben es nicht in der Hand.

Niemand hat es.

Die Wurzeln von Mike Tysons Karriere liegen im Brownsville-Viertel von Brooklyn, einem der ärmsten und gefährlichsten Stadtteile New Yorks. Geboren am 30. Juni 1966 wuchs er ohne Vater auf, seine Mutter Lorna Mae war oft überfordert. Früh geriet er in Kleinkriminalität, wurde mehrfach festgenommen. Mit 13 kam er in die Tryon School for Boys, eine Besserungsanstalt. Dort entdeckte der ehemalige Boxer und Trainer Cus D’Amato sein Talent. D’Amato wurde sein Mentor und Adoptivvater. Unter dessen strenger Anleitung entwickelte sich Tyson zu einem Phänomen. 1985 wurde er Profi, gewann 1986 den WBC-Titel, später WBA und IBF. Mit 20 Jahren und 4 Monaten war er der jüngste Schwergewichtsweltmeister aller Zeiten.

Seine Dominanz im Ring war atemberaubend. Er kämpfte mit einer Aggressivität, die Gegner lähmte. Doch schon damals gab es Warnsignale. Nach D’Amatos Tod 1985 verlor Tyson seinen moralischen Kompass. Er umgab sich mit fragwürdigen Beratern, darunter Don King. Sein Privatleben geriet außer Kontrolle. Die Ehe mit Robin Givens, einer Schauspielerin, war von Gewalt und öffentlichen Demütigungen geprägt. 1988 trennten sie sich.

Der Niedergang begann 1990 mit dem überraschenden K.o.-Verlust gegen Buster Douglas in Tokio. Danach folgten rechtliche Probleme. 1992 wurde er wegen Vergewaltigung der 18-jährigen Desiree Washington verurteilt. Er saß drei Jahre im Gefängnis. Nach seiner Entlassung 1995 kehrte er zurück, gewann zwei Titel, verlor sie aber schnell wieder. Der Biss gegen Holyfield 1997 war der Tiefpunkt.

Die folgenden Jahre waren geprägt von finanziellen Problemen, erneuten Drogenexzessen und Schlägereien. 2003 meldete er Insolvenz an. Die Schulden von rund 27 Millionen Dollar waren ein schweres Erbe. Seine Gesundheit verschlechterte sich. Neben der bipolaren Störung litt er unter chronischen Rückenschmerzen. Mehrere Entzugskuren scheiterten.

Die Wende kam mit Kiki. Sie brachte Struktur in sein Leben, kümmerte sich um seine Finanzen und half ihm, einen geregelten Tagesablauf zu finden. Heute lebt Tyson clean, ist vegan und trainiert täglich. Er tritt gelegentlich in Filmen auf, moderierte einen Podcast und tourt mit seiner One-Man-Show. Die Einnahmen aus diesen Auftritten ermöglichen ihm ein bescheidenes Leben, weit entfernt von den Exzessen der Vergangenheit.

Seine Beziehung zu den Fans hat sich gewandelt. Viele sehen ihn nicht mehr als Monster, sondern als tragische Figur, die es trotz aller Widrigkeiten geschafft hat, wieder aufzustehen. Tyson selbst hat gesagt: „Ich bin nicht mehr der Mann, der ich einmal war. Ich versuche, jeden Tag ein besserer Mensch zu sein.“ Diese Einsicht, gepaart mit einer Prise Selbstironie, macht ihn heute zu einer der faszinierendsten Persönlichkeiten des Sports.

Die Europatour, die in wenigen Tagen beginnt, ist ein weiterer Baustein dieser Versöhnung mit der Öffentlichkeit. Obwohl Tyson an schlechten Tagen kaum zwei Sätze herausbringt, hoffen alle, dass die guten Tage überwiegen. Denn wenn er in Form ist, kann er ein Publikum mitreißen wie kein Zweiter. Seine Geschichten von Absturz und Wiederauferstehung sind universell – sie berühren Menschen, die selbst mit Dämonen kämpfen.

Letztlich bleibt Mike Tyson ein Rätsel. Ein Mann von extremer Widersprüchlichkeit. Die Dämonen sind nie ganz verschwunden, schlummern nur. Kiki und sein Team versuchen, sie wachsam zu halten. Aber ob es gelingt, weiß niemand. Der ehemalige Champion lebt in einem ständigen Balanceakt zwischen Stabilität und Chaos. Seine wahre Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt.


Source: Spiegel News


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